Wednesday, August 26, 2026

2008

 

Wegen Umzugs in einen anderen Berliner Bezirk mußte ich 1 Jahr später das Job Center wechseln. ... Ich werde 46....

Beantragung einer Fortbildung : ich möchte an einer Schulung teilnehmen, die weltweit anerkannt ist, um Erwachsenen Englisch beizubringen. Englisch ist und bleibt nun mal das Einzige, was ich wirklich kann. Das Lehrseminar kostet 1500 Euro (4 Wochen intensives Training zur Englischdozentin). Wurde vom Sacharbeiter abgelehnt.  „Kenn ich nicht, bringt nichts, zu teuer“, meint der ältere Heini. Ein Ossi war das, bin mir sicher. Dieser Herr ist zuständig für Arbeitslose mit dem Buchstaben „S“ , die einen  Hochschulstudium haben. Er jammerte mir beim Besuch in der Bundesallee erst noch die Ohren voll, dass sie - die Sachbearbeiter - dauernd Kunden mit einem anderen Anfangsbuchstaben bearbeiten müssten. Der Arme. Hallo? ICH bin hier arbeitssuchend, alter Schwede!   Der weiß noch nicht mal, ob ein Bachelor Abschluss in Deutschland überhaupt anerkannt ist. Sollte er aber. Er sagt mir, dass er nicht versteht, warum man lernen müsse, wie man deutschen Erwachsenen Englisch beibringe. Ich frage ihn daraufhin, ob er sich als Mann, der Deutsch als Muttersprache spricht, auch zutraue, erwachsenen Türken Deutsch beizubringen? Keine Antwort.  Arschlöcher überall.

Ich habe mich als Kundenberaterin bei Lufthansa beworben (im Adlershof Call Center für Flugbuchungen), Voraussetzung Fremdsprachenkenntnisse und mindestens Abitur:  Ich bekomme eine Einladung zum „Assessment Day“: ein 6-stündiger Interview-Prozess mit 10 weiteren Kandidaten. Heiliger Bimbam, ich will kein Top Manager werden! Nach der Begrüßung durch 2 junge Frauen, gab es für uns Bewerber (ungefähr 12 Leute) erstmal zwei Stunden schriftliche Tests bestehend aus Logik, Konzentration, Essayschreiben, und einer Übersetzung sowie Airport Code Abfrage; gefolgt von Gruppendiskussion ohne Anleitung mit Gruppen A und B; zuletzt Rollenspiele zu zweit, einmal als Kundin, einmal als Verkäuferin.  Am Ende wurden vor versammelter Mannschaft, wie bei Germany´s Next Top Model, diejenigen aufgerufen, die zur nächsten Runde vorrücken könnten, die anderen blieben verdutzt sitzen. Die Loser bekamen aber die Gelegenheit zum Einzelgespräch, um zu erfahren, warum man nicht ausgewählt wurde. Man sagt mir, ich hätte während der Gruppendiskussion 1x meine Arme vor der Brust verschränkt, und beim gleichzeitigen Sprechen in der Runde einfach weiter gesprochen anstatt die Anderen ausreden zu lassen. Stimmt, ich fühlte mich in der Runde entspannt, und es gab von allen öfter Überschneidungen beim Sprechen, weil entweder vor lauter Höflichkeit keiner oder alle gleichzeitig sprachen, denn wir sollten uns ja in kurzer Zeit profilieren...Im Rollenspiel, in dem ich eine Kinokasseriererin spielte, sollte ich einer Frau, die statt des 6 Euro Eintritts nur 5 Euro zahlen wollte, eine Absage erteilen. Dabei hätte ich der Kundin den „Billigtag“ zum Kino angeboten, und das könne man, dürfe man so nicht beim Namen nennen. Ebenso musste ich einen Kaufhauskunden spielen, der eine Hose geändert haben wollte. Darauf wurde nicht eingegangen, auch nicht auf all das, was ich gut konnte.  Die meisten, die weiter kamen hatten keine guten Englischkenntnisse. Alle Abgelehnten der Runde waren über 40 Jahre alt und hatten wie mir schien „Persönlichkeit“, einen Charakter, hatten einen Mund und eigene Gedanken. Sie passten scheinbar nicht in das Schema  des idealen Lufthansa Kundenbetreuers. Versprochene Bezahlung war 1700 Euro brutto (=  1150 Euro netto bei LS K 1,  Vollzeit, Schichtdienst, Wochenendarbeit, Probezeit 6 Monate, danach dann Flugvergünstigungen und Jahresbonus).  Man muss sich überall erst zum Affen machen... Was hat´s genützt? Nüscht.

Vorstellung bei einer Personalfirma in einer Nobelstraße nähe Savignyplatz, die Check-in Damen am Flughafen Berlin-Tegel für Delta Air und Continental sucht (Morgenflüge nach New York). Arbeitszeit ungefähr 5-6 Stunden am Tag. Für die ersten 6 Monate Anstellung bei der Personalfirma – später Chance auf Übernahme - soll es € 6.80 Euro die Stunde brutto geben, dann bei Einstellung bei der American Airline für € 7.20 brutto die Stunde. Englisch Pflicht. WOLLEN DIE MICH VERARSCHEN????? Wovon soll man leben? Nach dem Schock ging ich zurück zur S-Bahn Station, vorbei an Mittag-essenden Yuppies draussen im Sonnenschein. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich den Drang, den Leuten ihr Essen vom Teller zu mopsen, den schönen Salat, auf den ich stieren konnte. Ich hab plötzlich die Bettler in Indien  kapiert.  Unten angekommen? Oh ja. Aber immer noch nicht tief genug, um mich für 6,80€ brutto die Stunde um 5 Uhr morgens von ungeduldigen Fluggästen anmachen zu lassen. Das ist halt die Krux bei Hartz4: der Stundenlohn (Mindeslohn gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht ) ist so niedrig, dass du durch Arbeit nicht nicht über den Sozialhilfesatz kommst , vor allem. weil ja auch alle Vergünstigungen wegfallen. Ein Teufelskreis....

Vorstellungstermin bei der indischen Botschaft, die am 1.8. in der Zeitung eine Bürokraft mit guten Englischkenntnissen suchte. Fast 3 Monate später kommt erst die Einladung zur Vorstellung. 13 andere Kandidatinnen kommen ebenfalls um 10 Uhr. Alle müssen einen Übersetzungstest machen, Deutsch- Englisch, Englisch - Deutsch. Nicht einfach. Danach Einzelgespräche in Englisch. Ich werde gefragt, ob ich Buchhaltung kann. Nein. Ich werde gefragt, wie ich das vorgesehene Gehalt von 1200 Euro brutto im Monat finde.´Nicht so gut´, sag ich natürlich nicht, bin ja nicht doof. Aber so eine Frage? Nee oh nee. Und es wird, von beiden Herren, die das Gespräch leiten, erklärt, dass man doch jemanden suche, der nicht nach 6 oder 12 Monaten wegen des Gehalts das Handtuch schmeißt. Was wollen die hören? Mir wird gesagt, ich sei ja sehr qualifiziert, und ich höre schon das unausgesprochene ABER. Die nehmen doch garantiert ne indische Tante, der das Gehalt Wurscht ist, weil sie einen verdienenden Ehemann in der Botschaft hat. Ha!  1200 Euro brutto im Monat, das sind 890 Euro netto. 90 Euro über der Armutsgrenze, 190 über HartzIV- Niveau. Ach, und ob ich denn gewillt sei, Buchhaltung zu lernen und am Wochenende auch mal eine Delegation vom Flughafen abzuholen. Sure thing.... Höre von denen nie wieder was. Assholes. Meistens bekommt man noch nicht einmal eine Absage, man hört gar nichts. Oder wenn, erst nach Monaten, da hat man sich schon bei so viel anderen Jobs beworben, dass man sich an nichts mehr erinnern kann.

Das Job Center schickt mir ein Stellenangebot: wissenschaftliche Mitarbeiterin an einer Hochschule. Freude! Es stellt sich nach einem Telefonat mit der Sachbearbeiterin heraus: es ist  kein Job, es ist eine Abschiebung in eine neue Maßnahme. UND nur für Geisteswissenschaftler.  Scheinbar gehöre ich mit einem Bachelor in Anglistik dazu. OK.  Aber Hochschule: Pustekuchen. Das soll dann so laufen: Angestellt wäre ich wieder für 6 Monate über einen freien Träger. Ich soll mich diesmal aber nicht bei einer öffentlichen Einrichtung nützlich machen, sondern soll mir einen Praktikumsplatz in der freien Wirtschaft suchen. Arbeitszeit: 38,5 Stunden, für 1200 Brutto. Hä? Wie Praktikum?  Eine Firma, die zu geizig ist, jemanden regulär zu vergüten, hätte dann 6 Monate einen freiwilligen Helfer. Ich find´s gruselig, rufe aber spasseshalber mal das Bücherkaufhaus Dussmann in Mitte an. Sie sind zu solch einem Deal mit dem Job Center natürlich bereit. Ich könne froh sein, dass man mich nehmen  würde, wird mir mitgeteilt. Und es bestünde auch Möglichkeit auf Übernahme nach dem Praktikum, wenn man nicht gerade den Auszubildenden den Vorzug lassen müsse. Die ganze Idee der Maßnahme sei der sogenannte Klebeeffekt. Das Arbeitsamt möchte uns dichter am „1. Arbeitsmarkt“ wissen. Ich bewerbe mich bei Dussmann daraufhin zusätzlich ganz schnell als richtige Mitarbeiterin , bekomme aber sofort eine Absage: keine Vakanzen! HA!  Nur für „Praktikanten“ scheint kurz vor Weihnachten dann doch ein Platz vorhanden. Die können mich mal!  Eine andere Buchhandlung hat auch Interesse bekundet, sagt dann aber ab, denn sie hätten keine Zeit, Leute in der Vorweihnachtszeit anzulernen, das würde schließlich immer so seine 2 Wochen dauern, bis die Neuen was drauf hätten. Wie ich höre, verdient man bei Dussmann. als reelle Buchhändlerin 1400 Brutto im 1.Jahr. Und darf dabei jeden Tag bis 20 Uhr arbeiten? Ich weiß, ich weiß, ich seh das alles viel zu kritisch, aber wo leben wir denn hier?  Man verlangt von einem BWLer auch nicht, Gedichte zu analysieren, aber Dichter sollen zu allem bereit sein? Manno.

Thursday, August 13, 2026

2007

Anekdoten einer Arbeitslosen (Teil 1)

Bin von Delhi nach Berlin-Neukölln gezogen . Öfter mal was Neues. Ich hatte 2 Bekannte dort und wollte nach dem Moloch der 13 Millionen Stadt Delhi nicht nach Bremen, musste in eine Chaotenstadt, damit der Kulturschock nicht so groß würde....so dachte ich.... Natürlich erstmal ohne Arbeit. Von nun an ging es regelmäßig zum Job Center. Ich bin 45.

Als ich zu einem Pflicht- Beratungstermin zum Arbeitsamt komme, ist vor mir noch ein junger Kerl dran. Die Tür ist halb offen und ich überhöre das Gespräch.  Der Mann ist, wie ich später erfahre, 30 Jahre alt. Er sitzt ziemlich lethargisch auf dem Stuhl und bekommt von der Arbeitsberaterin Vorschläge. Er sagt keinen Ton. Als ich an der Reihe bin, beklagt sich die Sachbearbeiterin bei mir über den „Kunden“, erzählt, dass er seit Schulabschluss noch nie gearbeitet hätte, noch zuhause wohne und praktisch nicht vermittelbar sei. Wie bitte? Er erschien mir ganz normal zu sein. Seit wann ist Faulheit eine Krankheit? Sollte ich mich vielleicht auch irgendwie „doof“ (unvermittelbar) stellen?  Nachdem die Dame mit mir akribisch meinen langen Lebenslauf durchgegangen ist, sage ich ihr, dass ich gerne die Handelskammer-Prüfung zur Übersetzerin machen würde, damit ich ein Zertifikat bekomme, brauche dafür aber ein paar Vorbereitungskurse, sonst sei es nicht zu schaffen. Sie meint daraufhin skeptisch, dass das doch eine ziemlich brotlose Kunst sei, und dass sie so etwas nur bewilligen könne, wenn ich nachweisen würde, dass ich hinterher eine Anstellung bekäme. Es soll mir also vor meiner Ausbildung versprochen werden, dass man mich später einstellt.  Wer macht so etwas? 

Meine Arbeitsberaterin druckt mir dann eine Liste mit 3 Vorschlägen für ABM Stellen aus. Ich wundere mich, warum der junge Mann vor mir sich zu nichts entscheiden musste, ich aber gleich beim 1.Besuch mit Jobmöglichkeiten bedient werde? Mir gefällt allerdings eine der Stellen als Hausaufgabenbetreuerin für Migrantenkinder in den Räumen der öffentlichen Bibliothek. (Hartz IV zur Zeit bedeutet: 350 Euro plus Warmmiete ; die wären damit beendet) Kann nur besser werden ! Als ABM Kraft arbeite ich dann bei einem sogenannten Trägerverein, einer gemeinnützigen Organisation, die irgend was mit Fortbildung, Weiterbildung, etc zu tun hat. Dieser Trägerverein verleiht mich umsonst an die Stadtbibliothek.  Das Ganze läuft in meinem Fall unter dem Projekt „Stadtteilmütter“, in das auch die, die nicht als Stadtteilmütter arbeiten, gesteckt werden.  In meiner Gruppe sind ungefähr 15 Frauen. Die meisten sind in Seniorenheimen oder Kindergärten als sogenannte MAEs beschäftigt, die 1-Euro Jobber. Bezahlt wird der Träger vom Arbeitsamt und aus dem Europäischen Sozialfond. Dieser Träger zahlt uns dann ein Gehalt, mit entsprechenden Abzügen natürlich. Für 30 Stunden die Woche bekomme ich 1000 Euro brutto im Monat. Ich habe Glück wegen meines Studiums einen besseren Stundenlohn zu bekommen, und bin als ABM auch besser gestellt als MAEs. Netto bleiben 800 Euro, das sind 100 Euro mehr, als ich mit HARTZ IV habe. Nur ohne Hartz IV bekommt man auch keine verbilligten Tickets für den öffentlichen Nahverkehr (die Monatskarte also wieder 70 Euro statt der 33 Euro im Monat für Bedürftige), keine Erleichterungen bei kulturellen Veranstaltungen und keine Befreiung von GEZ Gebühren. So dass die 100 Euro Mehrverdienst eigentlich sofort wegrationalisiert sind. Sprich: da das Arbeitsamt in Wirklichkeit immer noch für mich zahlt, nur eben versteckt über einen „Träger“, arbeite ich jetzt 30 Stunden für den Staat.... Na gut. 

Die Arbeit hat Spaß gemacht, ich durfte auch mal Bibliotheksarbeiten verrichten. Die türkisch oder arabischen Kinder und Jugendlichen, meist Mädchen, die zu uns kamen, waren ganz putzig; die Kollegen nette, mittelalte Leute wie ich. Hat n halbes Jahr gedauert, dann landete ich wieder wie ein verliebter Teenager beim vermissten Inder in Delhi.

Fernsehtipp: „Schnitzel geht immer“, 2 arbeitslose Hartz4 Freunde auf Jobsuche :-)