Thursday, August 13, 2026

2007

Anekdoten einer Arbeitslosen (Teil 1)

Bin von Delhi nach Berlin-Neukölln gezogen . Öfter mal was Neues. Ich hatte 2 Bekannte dort und wollte nach dem Moloch der 13 Millionen Stadt Delhi nicht nach Bremen, musste in eine Chaotenstadt, damit der Kulturschock nicht so groß würde....so dachte ich.... Natürlich erstmal ohne Arbeit. Von nun an ging es regelmäßig zum Job Center. Ich bin 45.

Als ich zu einem Pflicht- Beratungstermin zum Arbeitsamt komme, ist vor mir noch ein junger Kerl dran. Die Tür ist halb offen und ich überhöre das Gespräch.  Der Mann ist, wie ich später erfahre, 30 Jahre alt. Er sitzt ziemlich lethargisch auf dem Stuhl und bekommt von der Arbeitsberaterin Vorschläge. Er sagt keinen Ton. Als ich an der Reihe bin, beklagt sich die Sachbearbeiterin bei mir über den „Kunden“, erzählt, dass er seit Schulabschluss noch nie gearbeitet hätte, noch zuhause wohne und praktisch nicht vermittelbar sei. Wie bitte? Er erschien mir ganz normal zu sein. Seit wann ist Faulheit eine Krankheit? Sollte ich mich vielleicht auch irgendwie „doof“ (unvermittelbar) stellen?  Nachdem die Dame mit mir akribisch meinen langen Lebenslauf durchgegangen ist, sage ich ihr, dass ich gerne die Handelskammer-Prüfung zur Übersetzerin machen würde, damit ich ein Zertifikat bekomme, brauche dafür aber ein paar Vorbereitungskurse, sonst sei es nicht zu schaffen. Sie meint daraufhin skeptisch, dass das doch eine ziemlich brotlose Kunst sei, und dass sie so etwas nur bewilligen könne, wenn ich nachweisen würde, dass ich hinterher eine Anstellung bekäme. Es soll mir also vor meiner Ausbildung versprochen werden, dass man mich später einstellt.  Wer macht so etwas? 

Meine Arbeitsberaterin druckt mir dann eine Liste mit 3 Vorschlägen für ABM Stellen aus. Ich wundere mich, warum der junge Mann vor mir sich zu nichts entscheiden musste, ich aber gleich beim 1.Besuch mit Jobmöglichkeiten bedient werde? Mir gefällt allerdings eine der Stellen als Hausaufgabenbetreuerin für Migrantenkinder in den Räumen der öffentlichen Bibliothek. (Hartz IV zur Zeit bedeutet: 350 Euro plus Warmmiete ; die wären damit beendet) Kann nur besser werden ! Als ABM Kraft arbeite ich dann bei einem sogenannten Trägerverein, einer gemeinnützigen Organisation, die irgend was mit Fortbildung, Weiterbildung, etc zu tun hat. Dieser Trägerverein verleiht mich umsonst an die Stadtbibliothek.  Das Ganze läuft in meinem Fall unter dem Projekt „Stadtteilmütter“, in das auch die, die nicht als Stadtteilmütter arbeiten, gesteckt werden.  In meiner Gruppe sind ungefähr 15 Frauen. Die meisten sind in Seniorenheimen oder Kindergärten als sogenannte MAEs beschäftigt, die 1-Euro Jobber. Bezahlt wird der Träger vom Arbeitsamt und aus dem Europäischen Sozialfond. Dieser Träger zahlt uns dann ein Gehalt, mit entsprechenden Abzügen natürlich. Für 30 Stunden die Woche bekomme ich 1000 Euro brutto im Monat. Ich habe Glück wegen meines Studiums einen besseren Stundenlohn zu bekommen, und bin als ABM auch besser gestellt als MAEs. Netto bleiben 800 Euro, das sind 100 Euro mehr, als ich mit HARTZ IV habe. Nur ohne Hartz IV bekommt man auch keine verbilligten Tickets für den öffentlichen Nahverkehr (die Monatskarte also wieder 70 Euro statt der 33 Euro im Monat für Bedürftige), keine Erleichterungen bei kulturellen Veranstaltungen und keine Befreiung von GEZ Gebühren. So dass die 100 Euro Mehrverdienst eigentlich sofort wegrationalisiert sind. Sprich: da das Arbeitsamt in Wirklichkeit immer noch für mich zahlt, nur eben versteckt über einen „Träger“, arbeite ich jetzt 30 Stunden für den Staat.... Na gut. 

Die Arbeit hat Spaß gemacht, ich durfte auch mal Bibliotheksarbeiten verrichten. Die türkisch oder arabischen Kinder und Jugendlichen, meist Mädchen, die zu uns kamen, waren ganz putzig; die Kollegen nette, mittelalte Leute wie ich. Hat n halbes Jahr gedauert, dann landete ich wieder wie ein verliebter Teenager beim vermissten Inder in Delhi.

Fernsehtipp: „Schnitzel geht immer“, 2 arbeitslose Hartz4 Freunde auf Jobsuche :-)


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