2005 zog ich zum neuen, indischen Freund (dem späteren Göttergatten) nach Delhi, und dort besuchte ich eines Tages das Goethe Institut, um dort in der kleinen Bibliothek deutsche Zeitschriften zu lesen. Ich fragte später die Bibliothekarin, eine Berlinerin, ob sie nicht vielleicht einen Job für mich hätte. Ich konnte erstmal ein Praktikum machen, OK, war somit oft im Institut und lernte Leute kennen. Eines Tages wurde die Stelle der Chefsekretärin frei und ich bekam sie. Natürlich nicht mit den deutschen Privilegien, sondern nur mit einem Vertrag als „Ortskraft“: 35.000 Rupien gab es, so rund 400 Euro im Monat für eine Vollzeitstelle. Die „richtigen“ Goethe Mitarbeiter/Abteilungsleiter bekamen zu ihrem guten deutschen Gehalt ein Haus bzw. Wohngeld,1x im Jahr einen Heimaturlaub und x andere Vergünstigungen gestellt. Dem deutschen Steuerzahler sei dank. Das ganze Goethe Netzwerk untersteht ja dem Auswärtigen Amt.... Ich saß im Vorzimmer des Direktors Dr.D. Er war von der Sorte Bürokrat mit Kulturinteresse, ganz nett, etwas steif. Und ein Kettenraucher mit den übelsten braunen Zähnen, die je gesichtet wurden. Wie seine Frau mit dem Gebiss neben ihr nachts einschlafen konnte war mir schleierhaft.
Das Goethe Institut heisst in Indien Max Mueller Bhavan (MM Haus) bietet Sprachkurse an sowie diverse Kulturveranstaltungen, es hatte in Delhi in einem Nebengebäude auch eine Bibliothek und eine Kantine. Wenn ein Kellner Dr.D. (zum X.Mal am Tag) Kaffee brachte, schnauzte der kettenrauchende Chef den armen Kerl an, wenn ein winziges Stück Dreck im Zucker war. Fremdschämen. Man oh man.
Meine Aufgaben waren dort sehr vielfältig. Ich musste zB. den Fahrer des Hauses einteilen, denn es mußte immer irgend jemand abgeholt oder gebracht werden: Gäste zurück ins Hotel, Praktikanten vom Flughafen, Mitarbeiter zu anderen Kultureinrichtungen, so was halt. Alles genau nach Plan.
Dann war ich für die Praktikanten zuständig. Erst schriftlich bei Bewerbungen, danach vor Ort, denn ich musste ihnen Zimmer besorgen und ihnen vorab „Indien erklären“. Bei Mitarbeiterkonferenzen musste ich Protokoll führen und hinterher an alle weiterleiten. Die Inder sagen übrigens zu allem ‚Ja und Amen‘. Ja, wir machen das. Ja, kein Problem. Beim nächsten Treffen war dann allerdings nichts von dem geschehen, aber es hieß wieder „Ja, klar, wir machen das“. :-) Mein Chef meinte nach Einsicht meiner Notizen, ich müsse mich bitte gewählter ausdrücken, aber Bürokratendeutsch war mir verhasst, ich wollte alles schnell auf den Punkt bringen und nicht um den heißen Brei reden. Wir machten da ja keine Raketenwissenschaft oder Gehirnchirurgie.
Die größte Aufgabe für mich aber waren die Reisebuchungen der Mitarbeiter, die nach Hause oder zu anderen Instituten fliegen mussten, oder für Kulturschaffende, die ins Institut eingeladen wurden. Der Chef flog ständig in Indien herum, denn er war der Direktor für ganz Südasien plus Pakistan und Bangladesh. Die Deutschlehrer flogen auf Lehrgänge nach München. Bei Ausstellungen mussten die Künstler eingeflogen werden. So war ich fast täglich in Kontakt mit dem lokalen Lufthansabüro. Das war ganz schön hektisch und ich mußte aufpassen wie ein Lux, dass ja nichts falsch gebucht wurde. Die Goethe Leute hatten natürlich immer Extrawürste. Und bittschön bloß nicht ihre Vielfliegermeilen vergessen!
Zwischendurch kamen immer Leute in mein Büro geschneit, die was vom Chef wollten und die ich abzuwimmeln hatte. Ich weiß noch, wie einmal Ulrich Greiner vor mir saß, Literaturkriter der „Zeit“. Er hatte seinen Pass im Hotel in Agra vergessen, der Hirni, und nun sollte ich sehen, wie ich ihm aus der Patsche helfe. Ein anderes Mal sollte ich für den Schriftsteller Martin Mosebach und Frau eine passable Wohnung finden, düste von A nach Z, hatte auch etwas gefunden, bis der liebe Chef aus unerfindlichen Gründen raunzte, er würde das lieber selber machen. Idiot! Mosebach sollte einen Monat Stadtschreiber in Delhi sein, und weil er nicht am Computer schreiben konnte, musste seine Frau als Tippse auch dabei sein. Später hat er dann ein kleines Buch über seinen Indien-Aufenthalt veröffentlicht. Unmöglich. Auf Kosten der Steuerzahler reisen und dann privat daraus Profit scheffeln. Überall nur Banausen!
Ebenso musste ich Buch über die Bar führen. Wer wieviel Alkohol zu welchen Veranstaltungen verbraucht hat, das musste ganz genau kontrolliert werden. Ha! Nur ich hatte den Schlüssel zu diesem wertvollen Schrank. Ebenfalls mussten anfallende Handwerker- oder Gartenarbeiten zugeteilt werden. Der Gärtner durfte nicht für andere Zwecke genutzt werden, da sind die Inder sehr streng, alles schön nach Berufskaste getrennt, bitte sehr. Veranstaltungen mußten organisiert, Einladungen verschickt werden, und und und. Die Welt bestand aus Goethe.
Nach 1 Jahr hab ich das nicht mehr ausgehalten. Die Verschwendung für Hotels und Flüge einerseits, das mickrige Gehalt für mich und die Locals andererseits. Ausserdem weihte mich mein Chef in Nichts ein, ich war die Letzte, die etwas erfuhr. Einmal hat er mir in meiner Mittagspause unterstellt, ich würde die Leute, die er telefonisch erreichen musste, nicht anrufen (hatte mir die Finger nach ihnen wund telefoniert und niemanden erreicht), und dann glaubte er, ich mache Privatkram während der Arbeitszeit. Unverschämtheit. Tatsächlich arbeitete ich gerade an einer Übersetzung für das Nationale Literaturinstitut (Indien war in dem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse), denn ich wollte mir etwas dazu verdienen, doch lustigerweise konnte ich auf das Schild, das auf meinem Schreibtisch stand zeigen: „Mittagspause“. All das UND seine Arroganz hat mich dann dazu getrieben, mich eines Morgens schon um 6 Uhr ins Büro zu schleichen, alle Arbeiten zu beenden, letzte Emails zu verschicken und meine sofortige Kündigung auf seinen Tisch zu legen. Den ganzen Tag rief er mich an, schrieb Emails und bettelte, ich möge zurück kommen. Aber ich blieb stur. Sicherlich wieder ein Riesenfehler, zukunftsmäßig betrachtet, aber ich war am Ende meiner Nerven, auch durch das Leben in Delhi. Allein die Fahrt in die Stadt jeden Morgen in dem Verkehr eine Stunde lang. Es war schon die Hölle diese Stadt.
Das Buch von Herrn Mosebach: „Stadt der wilden Hunde. Nachrichten aus dem alltäglichen Indien“ (2008, Hanser Verlag)
die deutsche Oase mitten in der Stadt





