Wednesday, July 1, 2026

1998-'99

1998 Nach Heidelberg findet Versetzung von Ehemann2 statt, es geht zurück in die USA , diesmal landen wir in Baltimore im Staate Maryland. Diese Umzüge... das geht auf keine Kuhhaut.. Ich mache weiter meine online Collegekurse, aber fahre auch zum tatsächlichen Campus der University of Maryland. Als ich einen Shakespeare Kurs bei einer sehr engagierten Professorin belege schauen wir uns am Ende auch das Theaterstück "Coriolanus" in D.C. an. Und da ein Mitstudent dort ein Reihenhaus hat, besuchen wir ihn alle, denn er hat das ganze Haus im Tudor Stil eingerichtet, also so wie man zu Shakespeares Zeiten in England lebte. Das nenn ich mal Fanleben! Jedem Tierchen sein Plaisierechen! 

1999 bin ich wieder ehrenamtlich unterwegs, unterrichte diesmal bei einer NGO im Knast, eh Untersuchungsgefängnis, wo die Insassen also noch auf Verurteilung warten. Währenddessen können sie zB ihren Highschool Abschluss nachholen und dazu wurde ein "Community College" beauftragt, dort zu unterrichten. Allerdings mit Ehrenamtlichen.  Inhaftierte Frauen und Männer sitzen natürlich getrennt ein. Meine Vorgesetzte war eine kleine Kenianerin, die das vielleicht schon etwas zu lange hauptberuflich betrieb. Sie hat sich oft über meinen Enthusiasmus und Idealismus lustig machte. Anfangs glaubte ich natürlich noch alles, was die Knastis mir verklickerten. Harriet, die Gute, war schon sehr abgebrüht, hatte sicher all die Knast- Stories schon 100x gehört; machmal war sie richtig übel zu den Hajopeis, fand ich. 80% waren schwarze, taffe Kerle. Puh. Diese Knastis konnten einen zutexten und gleichzeitig ausquetschen wie ne Zitrone. Ich hab versucht nicht nur Schulkram, sondern auch mit etwas einfacher Literatur in einem kleinen Lesekreis an sie ranzukommen. Da es aber ein Untersuchungsgefängnis war, tauchten die Insassen plötzlich nicht mehr auf, weil sie in ein anderes Gefängnis verlegt wurden, keinen Bock hatten, zu einer Gerichtsverhandlung mussten oder entlassen wurden. Viel kam so nicht zustande. Ich hatte dieses Ehrenamt aber extra gewählt, um mal mit einer ganz anderen Schicht konfrontiert zu werden. Bei den Frauen war es wesentlich schwieriger, denn sie waren innerlich hart geworden, mit denen war nicht gut Kirschen essen.  Naja, manche waren kaputt vom Drogengebrauch, durch Prostitution, Selbstverletzungen und dem Verlust ihrer Kinder. Das war trostlos. Mein Ehrenamtkollege war David, ein Senior, der alles von mir über Deutschland wissen wollte. Wir haben uns noch ne zeitlang Briefe geschrieben. Auch mit Harriet war ich noch lange in Kontakt.

Jahre später in Darmstadt hab ich dann eine Aktion „Bücher für Knastis“ gestartet und Buchspenden in anderen Sprachen gesammelt. Nicht lesen zu können, nee, das geht gar nicht. Es waren komischwerweise vor allem Jugos, also Serbo-Kroaten, die sich auf meinen Anzeigenaufruf gemeldet hatten. Da konnte ich dann dem Knast ein paar Kartons vorbeibringen, ohne zu wissen, was das evtl für Käselektüre war :-)

Buchtipp zum Thema: Von der Seele geschrieben - Wally Lamb und die Frauen des Hochsicherheitsgefängnis York“ (2005)

FilmtippStanely & Iris“, 1990, Robert de Niro als Analphabet, der von Jane Fonda Unterricht erhält


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